Julius Evola
Julius Evola (eigentlich Baron Giulio Cesare Evola; * 19. Mai 1898 in Rom; † 11. Juni 1974 ebendort) war ein italienischer Philosoph und Vertreter des Kulturpessimismus. Er unterhielt vom Ende der 1920er Jahre an enge Beziehungen zu Benito Mussolini und seiner faschistischen Bewegung. Nach dem Zusammenbruch des Regimes floh er 1943 nach Deutschland, wo er als Mitarbeiter der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe tätig war. Im Nachkriegsitalien avancierte er dann zum Vordenker verschiedener antidemokratischer Organisationen.
Seine Werke werden häufig von rechtskonservativen Gruppen zur Untermauerung ihrer antiaufklärerischen und antidemokratischen Positionen angeführt, wenngleich Evola selbst als Vertreter eines rigiden Elitarismus „Massenbewegungen“ kritisch gegenüberstand, was in Kontrast zumindest zu den Ambitionen einiger Gruppierungen steht, die sich nun (zu Anfang des 21. Jahrhunderts) teilweise auf ihn berufen.
Leben und Ideen
Evola erhielt eine strenge katholische Erziehung. Wenig später wandte er sich jedoch vom Katholizismus ab und den Idealen der heidnischen Antike zu. In seinem 1928 erschienenen, diesem Themenkomplex gewidmetem und „schroff antijüdischen und antichristlichen“ Buch Imperialismo pagano (dt. Heidnischer Imperialismus), plädiert er für einen hierarchisch aufgebauten Führerstaat, einem sakralen Reich nach dem Vorbilde des antiken Römischen Reiches. Die zugrundeliegende Prämisse „Die Überlegenheit beruht nicht auf der Macht, sondern die Macht auf der Überlegenheit“ bezieht sich auf überweltliche, transzendentale Fähigkeiten, die die Regentschaft des Führers eines solchen Reiches, eines Priester-Königs, legitimieren. Ziel dieser Herrschaft sei es, die Menschen auf dem Weg zur Initiation, d. h. zur „Befreiung“ aus dem „irdischen Jammertal“ zu führen, ihnen das Überweltliche, das Transzendentale erfahrbar zu machen, kurzum: den göttlichen Menschen zu formen.
Evola vertritt in seiner Philosophie eine polare Sicht der Dinge: dem männlich-solar-transzendenten, dem Spirituellen zugewandten sakralisierten Kshatriya-Prinzip, stellt er das weiblich-lunare, dem Spirituellen abgewandte entgegen. So bezeichnet er die dem Römischen Reich in Europa folgenden, sich mit fortschreitender Zeit immer stärker dem Materialismus zuneigenden Gesellschaftsordnungen als lunar-dekadent und daher involutiv, d.h. als vom kulturellen Niedergang gezeichnet und somit dem Untergang geweiht, denn es fehle, aus Evolas Sicht, „das Sakrale der Antike“. Aus diesem Grund lehnt Evola auch die gesamte Moderne und deren Begriffe wie Volk und insbesondere Nation als einer Begrifflichkeit der Französischen Revolution, „dem Ursprung allen demokratischen Übels“, ab. Evola selbst versteht sich als Traditionalist im Sinne René Guénons, auf dessen Werke, wie etwa La crise du monde moderne (1927; deutsch Die Krisis der Neuzeit), Evola vielfach Bezug nimmt. Wie Guénon, geht Evola davon aus, dass die menschliche Rasse im Zeitalter des Kali Yuga lebt, dem dunklen Zeitalter der Hindu-Mythologie. Ebenso heftig wie die rein materialistisch ausgerichteten gesellschaftlichen Strömungen attackiert Evola den in den 1920er Jahren populären Spiritismus nebst weiteren „okkulten“ Begleiterscheinungen sowie die psychoanalytische Methodik im Sinne einer Öffnung zum Unterbewussten hin. Diese würden der wahren Transzendierung des Menschen sogar in noch stärkerem Maße entgegenstehen und seien daher abzulehnen.
Als Hauptwerk Evolas gilt das 1934 erschienene, stark von mythischem Denken geprägte Buch Rivolta contro il Mondo Moderno (deutsch Erhebung wider die moderne Welt). Evola greift darin die aus seiner Sicht bestehenden Nachteile insbesondere von Demokratien, aber auch von Kommunismus, Nationalsozialismus und italienischem Faschismus auf.
Evola reklamierte für seinen Begriff der Rasse, er gehe über den der anthropologischen Deutung des Nationalsozialismus hinaus. Im Unterschied zu der rein biologistischen Sicht etwa eines Houston Stewart Chamberlain, dem Evola seelischen Infantilismus vorwarf, interpretierte Evola „Rasse“ in einem „transzendentalen“ Sinne als Kultur, Elite und Aristokratie und forderte einen „Rassismus des Geistes“ und der Seele (dies vor allem in seinem 1938 erschienenen Buch Mito del sangue). Trotzdem war Evola im faschistischen Italien Ende der 1930er Jahre einer der führenden antisemitischen Wortführer, gab die Protokolle der Weisen von Zion heraus und unterstellte dem Judentum, eine der „wahren“ Transzendenz und Spiritualität diametral entgegenstehende Kraft zu bilden. Dass er das Judentum als Rasse und nicht als Religion interpretierte, ersieht man vor allem bei seinen Attacken gegen Albert Einstein, Sigmund Freud, Gustav Mahler, Tristan Tzara und andere Exponenten der modernen Kultur und Wissenschaft, die auch von den Nazis als Belege für deren „Verjudung“ herangezogen wurden. Insbesondere mit seinem 1941 veröffentlichten Werk Sintesi di dottrina della razza, das er kurz darauf unter dem Titel Grundrisse der faschistischen Rassenlehre selbst ins Deutsche übersetzte, stellte sich Evola an die Spitze der italienischen Rassentheoretiker. Nach dem Zusammenbruch des faschistischen Regimes in Italien floh er 1943 ins Deutsche Reich und kooperierte dort mit der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe, die der SS unterstellt war. 1945 trug er von einem sowjetischen Bombengriff auf Wien eine Verletzung davon, die ihn für den Rest seines Lebens von der Hüfte abwärts lähmte.
Im April 1951 wurde Evola wegen „Verherrlichung des Faschismus“ und wegen „Bildung einer faschistischen Verschwörung“ verhaftet, in einem aufsehenerregenden Prozess jedoch freigesprochen. In der Folgezeit wurde Evola zum Vordenker des radikalen Flügels des Movimento Sociale Italiano um Giorgio Almirante und Pino Rauti, aus dem die spätere Terrororganisation Ordine Nuovo hervorgehen sollte. Evola bekannte sich offen zu dem Einfluss, den er auf Ordine Nuovo ausgeübt hatte.
Im Verlauf der ideologischen Auseinandersetzungen im Gefolge der 68er-Bewegung bezeichnete Almirante Evola als „Marcuse von rechts“.
In den 1980er Jahren galt Evola den Bewaffneten revolutionären Zellen, die im Londoner Exil lebten, als ideologische Grundlage.
Heute ist Evola neben Savitri Devi, Miguel Serrano und Jan Udo Holey der wichtigste Autor für jene Kreise, die Esoterik und Antimoderismus miteinander verbinden wollen. Auch in Teilen der Neuen Rechten wird er als wichtiger Kulturphilosoph betrachtet. Für die ansonsten vorherrschende Einschätzung Evolas sei exemplarisch Umberto Eco genannt, der ihn als „Operetten-Okkultist“ und „faschistischen Guru“ bezeichnet.
Zitate
„Die Idee muss über die Wirklichkeit Gericht sitzen, und nicht umgekehrt. Die Aufgabe der Spekulation ist nicht festzustellen, was besteht, sondern in der unsicheren Welt der Menschen festzulegen, was als Wert gelten muss. Und wenn das nicht der tagtäglichen Wirklichkeit entspricht, darf man es deshalb nicht abstrakt nennen, sondern abstrakt und träge müssen vielmehr der Wille und die Kraft der Menschen genannt werden, die der Idee nicht genügen.“ (Gedanken zu einem Staat als Macht in Critica Fascista, 1. September 1926)
Werke
Imperialismo pagano. 1928 dt. Ausgabe: Heidnischer Imperialismus. Armanen-Verlag, Leipzig 1933
La tradizione ermetica. 1931 Die Hermetische Tradition. Von der alchemistischen Umwandlung der Metalle und des Menschen in Gold. Entschlüsselung einer verborgenen Symbolsprache. Ansata-Verlag, Interlaken 1989, ISBN 3-7157-0123-4
Il Mistero del Graal e la Tradizione Ghibellina dell'Impero. 1934 dt. Ausgabe: Das Mysterium des Grals. O. W. Barth, Planegg 1955; AAGW, Sinzheim 1995
Rivolta contro il mondo moderno. 1934 /1951 dt. Ausgabe: Erhebung wider die moderne Welt. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1935; Neuübersetzung: Revolte gegen die moderne Welt. Ansata-Verlag, Interlaken 1982, ISBN 3-7157-0056-4
Die arische Lehre von Kampf und Sieg. A. Schroll & Co., Wien 1941 (im Original auf Deutsch erschienen)
Sintesi di dottrina della razza. 1941 dt. Ausgabe: Grundrisse der faschistischen Rassenlehre. Runge, Berlin [1943]
Gli uomini e le rovine. 1953 dt. Menschen inmitten von Ruinen. Hohenrain-Verlag, Tübingen/Zürich/Paris 1991, ISBN 3-89180-031-2.
Introduzione alla magia come scienza dell'Io. 1955 dt. Ausgabe: Magie als Wissenschaft vom Ich. Theorie und Praxis des höheren Bewußtseins Band 1: Praktische Grundlegung der Initiation. Ansata-Verlag, Bern 1985, ISBN 3-7157-0072-6; Ludwig, München 1998, ISBN 3-502-20224-9, Band 2: Schritte zur Initiation. Ludwig, München 1997, ISBN 3-502-20208-7
Metafisica del sesso. 1958 dt. Ausgabe: Metaphysik des Sexus. Klett, Stuttgart 1962; überarbeitete Neuausgabe: Die grosse Lust. Fischer-Media, Bern 1998, ISBN 3-85681-406-X
L'«Operaio» nel pensiero di Ernst Jünger. 1959 dt. Ausgabe: Der „Arbeiter“ im Denken Ernst Jüngers. Le Rune, Mailand 2003
Cavalcare la tigre. 1961 dt. Ausgabe: Cavalcare la tigre = Den Tiger reiten. Arun, Engerda 1997, ISBN 3-927940-27-5
Über das Initiatische. Aufsatzsammlung. AAGW, Sinzheim 1998, ISBN 3-937592-09-1
Tradition und Herrschaft. Aufsätze von 1932-1952. San-Casciano-Verlag, Aschau i. Ch. 2003, ISBN 3-928906-06-2